Urs Unkauf / 23 Jahre

Sechs Wochen am Rande der Wüste

Eindrücke von der internationalen Sommeruniversität 2016 in Be’er Schewa

Viele Menschen leben in dem Glauben, durch die einschlägigen Medienberichte bestens über die Situation im Nahen Osten und speziell in Israel informiert zu sein: Israel besteht in ihrer Wahrnehmung aus IDF-Soldaten, Ultraorthodoxen und den Palästinensern. Als Teilnehmer der internationalen Sommeruniversität 2016 in Be‘er Schewa möchte ich aufzeigen, dass die Realität im jüdischen und demokratischen Staat jedoch komplexer und vielschichtiger ist, als sie oftmals medial vermittelt zu werden pflegt.

Seit dem Jahr 1998 bietet die Ben-Gurion-Universität ein spezielles Sommerprogramm für Deutsche und Amerikaner an. Mit dem von Professor Mark Gelber ins Leben gerufenen Programm soll eine Plattform für den deutsch-jüdischen und deutsch-israelischen Dialog geschaffen werden. Diese bietet in Be‘er Schewa eine einmalige Gelegenheit, sich dem Land auf besondere Weise anzunähern. Das sechswöchige Sommerprogramm der Ben-Gurion-Universität besteht aus einem intensiven Hebräischkurs (Ulpan), der unter der Woche am Vormittag für jeweils drei Stunden stattfindet. Wer ein Land und seine Bewohner wirklich verstehen möchte, kommt nicht umhin, sich zumindest grundlegende Sprachkenntnisse anzueignen. Nach dem sechswöchigen Ulpan wird man ohne Vorkenntnisse zwar schwer eine Knessetrede verstehen können. Man kann jedoch mühelos eine Falafel bestellen, ein Apartment mieten und etwas mit Israelis plaudern können.

Nach der Mittagspause finden dann meist Vorträge und Veranstaltungen des akademischen Rahmenprogramms statt. Dabei kommen die unterschiedlichsten Perspektiven zu Wort – von überzeugten Zionisten bis zu vehementen Kritikern der israelischen Regierung. Die leider immer noch häufig anzutreffende Sichtweise, Israel sei keine Demokratie, wird hier von der Praxis in das Reich der Legenden verwiesen: Ich kann mich an wenige Lehrveranstaltungen an deutschen Universitäten entsinnen, wo derart lebendig und kontrovers diskutiert wurde wie bei den Vorträgen der Sommeruniversität in Be‘er Schewa. Von einer mangelnden politischen Vielfalt kann definitiv keine Rede sein. Für den gutgläubigen Teilnehmer besteht die Herausforderung vielmehr darin, Aussagen zu hinterfragen und politische Motivationen zu erkennen. Denn auch in Israel gilt selbstverständlich: Nicht alles, was einem vorgetragen wird, muss auch stimmen. Und nicht allem, was man hört, muss man zustimmen.

Einen weiteren Bestandteil des Programms bilden die Exkursionen – beispielsweise zu den Hügeln Judäas, zum Grab des Staatsgründers David Ben Gurion nach Sde Boker oder nach Jerusalem. Da mir ein Tagesausflug in die israelische Hauptstadt zu kurz erschien, unternahm ich mit einigen Freunden einen Wochenendausflug dorthin. Eine praktische und atmosphärisch sehr zu empfehlende Unterkunft fanden wir im österreichischen Hospiz in der Altstadt, nahe des Damaskustores. Dieser Ausflug bot zugleich die Gelegenheit, mit einem weiteren Israel-Klischee aufzuräumen: Der vermeintlich allgegenwärtigen Diskriminierung der arabischen Bevölkerung. Sowohl bei der Verwaltung des Tempelberges, der Nichtmuslimen nur eingeschränkt und zu bestimmten Zeiten zugänglich ist, als auch im Stadtleben des arabischen Altstadtviertels ist davon wenig zu spüren. Zahlreiche arabische Touristenläden bieten offen antisemitische T-Shirts und weitere Souvenirs feil, ohne dass ein israelischer Soldat einschreiten würde.

Eine Demokratie, die selbst ihren Gegnern die Freiheit der Meinung zugesteht, verdient es nicht, als „Apartheidsregime“ diskreditiert zu werden. Mit diesem Begriff, der oft in Bezug auf Israel bemüht wird, findet eine groteske Verzerrung der Realität und zugleich eine Verharmlosung der historischen Erfahrungen Südafrikas statt. Ein weiterer Beleg für die Freiheiten, die Israel seinen Bürgern gewährt, sind die zahlreichen muslimischen Studentinnen mit Hidschab auf dem Campus der Ben-Gurion-Universität. Auch arabische Dozenten lehren und forschen dort.

Die Hauptstadt von Israels Südbezirk im Herzen der Negev-Wüste bietet zudem vielfältige Möglichkeiten, in den israelischen Alltag einzutauchen. Mit seinen ca. 200.000 Einwohnern gehört Be‘er Schewa zu den Städten mittlerer Größe in Israel. Sei es beim Spaziergang durch die Altstadt, beim Verweilen im Schwimmbad oder beim gemeinsamen Schabbat-Essen mit Einheimischen, wozu sich zahlreiche Gelegenheiten bieten: Stets wird man die Gastfreundlichkeit und Offenheit vieler Israelis zu schätzen wissen.

Das erstaunliche und bewundernswerte an diesen Menschen ist, mit welcher Lebensfreude sie in einer Situation der permanenten Bedrohung ihr Land gestalten. Spätestens bei der Sicherheitskontrolle am Eingang des Campus oder am Bahnhof wird man daran erinnert, dass Sicherheit hier ein anderer Stellenwert zukommt, als in Deutschland. Der Armee kommt dabei eine praktische Bedeutung zu: Sie ist der Garant eines sicheren Lebensraumes für das jüdische Volk und zugleich ein Bindeglied in einer Gesellschaft, deren Milieus ansonsten oft nebeneinander als miteinander leben. Viele junge Israelis, mit denen ich im Verlauf meines Aufenthaltes ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut habe, verstehen nicht, wie die europäischen Staaten sich permanent in der Verurteilung Israels ergehen, während sie als Soldaten erfahren haben, was es bedeutet, wenn das eigene Leben einer unsichtbaren und doch allgegenwärtigen Bedrohung ausgesetzt ist.

Ein weiteres eindrucksvolles Erlebnis außerhalb des offiziellen Programms war der Besuch der Beduinenstadt Rahat, die einige Kilometer nördlich von Be‘er Schewa liegt. Hier leben ausschließlich Muslime, Verwaltung und Gemeinderat werden von muslimischen Parteien gestellt und betrieben. Auch hier wurde mir bei Gesprächen über die kulturelle und alltägliche Lage der Stadt eine herzliche Gastfreundschaft zuteil. Juden wird man in Rahat nicht antreffen, dafür eine selbstverwaltete und wachsende muslimische Bevölkerung. Auch hier führt die Realität das Bild vom „rassistischen“ Staat Israel ad absurdum.

Für knapp 2.000 € inklusive Unterkunft im Studentenwohnheim bietet das abwechslungsreiche Programm der Sommeruniversität in Be‘er Schewa eine hervorragende Gelegenheit, sich selbst mit Land und Leuten vertraut zu machen. Damit verbunden ist auch die Chance, selektive Wahrnehmungen und antisemitische Stereotype in Bezug auf den jüdischen Staat zu korrigieren. Israel für sechs Wochen zu erleben bedeutet, sich auf eine Reise zu begeben, die Vereinfachungen einer komplexen Realität in vielen Aspekten durchbricht und den Blick für die Ambivalenzen des realen Alltags schärft. Abschließend wage ich die These: In keinem deutschen Universitätsseminar zum Nahostkonflikt werden derart authentische Einblicke in die Lebensrealität in Israel vermittelt, wie man sie durch eigene Anschauung während der Teilnahme an der Sommeruniversität in Be‘er Schewa erleben kann.


Urs Unkauf, 23 Jahre
hat im Rahmen seines Geschichtsstudiums 2016 an der Internationalen Sommeruniversität in Be’er Sheva teilgenommen. Er lebt in Berlin und engagiert sich unter anderem bei der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.