Annika Fiegehenn / 29 Jahre

Kleine Geschichten über das Militär

Vor fast 70 Jahren wurde der Staat Israel gegründet. Bereits vor der Gründung des offiziellen Staates agierten im Jischuw bewaffnete Untergrundorganisationen wie die Hagana, Palmach, Irgun und Lechi, die gegen die britische Mandatsmacht kämpften. Später gingen daraus die israelischen Streitkräfte (kurz: Zahal) hervor. Trotz der Konkurrenz der einzelnen Untergrundorganisationen schlossen sich diese für ein gemeinsames zionistisches Ziel zusammen. Die Notwendigkeit wurde durch den Druck der umliegenden Staaten, die die Staatsgründung Israels nicht mit Wohlwollen aufnahmen, deutlich. Die Stärke und Motivation der Zahal zahlte sich aus, sie blieben militärisch ihren Gegnern überlegen. Einige Jahre später folgte der Sechstagekrieg, der die Stärke der Armee erneut unter Beweis stellen sollte. 1973 erfolgte ein Überraschungsangriff an Yom Kippur, der zur Existenzbedrohung Israels wurde. Dies sind Geschichten über die Zahal, die immer wieder erwähnt werden, die die Identität Israel bis ins Mark geprägt haben und auch heute noch einen Einfluss auf das interne wie auch externe politische Geschehens Israels haben.
Das Militär und seine Ausrichtung haben sich gewandelt. Die Grenzen zu den umliegenden Nachbarn werden streng bewacht. Der schwelende Konflikt mit der Hamas klingt nicht ab – in deutlicher Erinnerung bleibt dabei die Operation Protective Edge im Jahr 2014.
Die gesellschaftliche Wahrnehmung der Zahal in Israel und der Bundeswehr in Deutschland unterscheiden sich sehr. Nach der Staatsgründung der Bundesrepublik hatte sich auch die militärische Ausrichtung geändert: Der Grundsatz der Bundeswehr liegt in der Friedenssicherung und Konfliktprävention, meist außerhalb Europas, sodass die deutsche Gesellschaft nicht direkt vom Einfluss der Bundeswehr betroffen ist. Die Zahal ist jedoch unter anderem auch im Landesinneren tätig. Das Militär ist in Israel ein fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Im Gegensatz dazu wurde in Deutschland selbst die kurze Grundwehrpflicht abgeschafft – in Israel herrscht diese immer noch für alle. Eine Verweigerung oder ein Ersatzdienst wie in Deutschland vor Abschaffung der Wehrpflicht ist kaum möglich. Doch durch die Wehrpflicht entsteht eine Inkludierung der Gewalt in die Gesellschaft. Die unterschiedlichen Gesellschaftsstrukturen beider Länder sind unbestreitbar und die Notwendigkeit des Militärs im Nahen Osten ist eine andere als die in Europa.

In der deutschen Öffentlichkeit ist das Straßenbild nicht wie in Israel durch Soldatinnen und Soldaten geprägt. Dies führt zu einer anderen Wahrnehmung von Sicherheit, Akzeptanz und Anerkennung des Militärs in der Gesellschaft. Der gesellschaftliche Stellenwert des Militärs in Israel ist höher als in Deutschland, der Armeedienst ist Bestandteil des Erwachsenwerdens. Es ist nicht unüblich schlafende Soldaten und Soldatinnen im Bus oder Zug anzutreffen, die ihre Waffen wie ein Kuscheltier im Arm halten.
Gewöhnung an Uniformen und Waffen in der Öffentlichkeit führen zu einer anderen Wahrnehmung von Sicherheit. Waffen im öffentlichen Raum in Deutschland sind ein ungewohntes Bild. Ich bin der Meinung, es sollte jedoch keinesfalls eine Gewöhnung an diesen Anblick eintreten und es sich im gesellschaftlichen Zusammenleben als Faktor festsetzen, um ein Sicherheitsgefühl hervorzurufen. Vielmehr sollte dieses Unwohlsein bei dem Anblick von Uniformierten und Waffen in Deutschland beibehalten werden. Ich bin der Überzeugung, dass trotz der terroristischen Anschläge, die in den letzten Jahren in Europa verübt wurden, die Freiheit als demokratischer Grundwert geschützt werden sollte. Die Polizei gilt als Beschützer dieser Freiheit. Daher würde eine Normalisierung von Waffen und Uniformen im öffentlichen Raum in Europa diese Freiheit, meiner Meinung nach, massiv einschränken – es würde zwangsläufig zu einer gesellschaftlichen Veränderung des Sicherheitsgefühls führen. Diese Veränderung gilt es zu verhindern.
In Israel ist der Umgang mit Anschlägen in die Gesellschaft integriert. Die Bevölkerung ist an Kriege, Konflikte und Anschläge jeglicher Art leider gewöhnt. Regelmäßig ertönt Raketenalarm an den Grenzen und viele Gebäude haben einen Bunker. Schock, Unverständnis und Trauer treten auch hier ein, jedoch wirkt es auch im Gespräch mit Israelis so, als seien sie ein wenig abgestumpft, da sie genau wissen, der nächste Anschlag oder Krieg wird kommen, es gehört zum täglichen Leben dazu.

Wenn ich mit Freunden in Tel Aviv zusammen in einer Bar sitze, kommt das Thema unweigerlich auf. Die Israelis machen Witze, dass der nächste Krieg eh schon vor der Tür steht und der Abschiedsbrief bereits geschrieben ist. Humor ist wohl der einzige Weg damit umzugehen, jedoch tritt gleichzeitig bei mir ein melancholisches Gefühl auf, dass diese Art von Humor nicht nötig sein sollte. Auf Grund der Bedrohungslage ist man in Israel eher bereit als in Deutschland, demokratische Werte wie die Freiheit des Einzelnen zugunsten der Sicherheit des Landes einzuschränken. Aber auch in Deutschland ist der Diskurs „Sicherheit vs. individuelle Freiheit“ angekommen. In Europa fand die Anteilnahme bei Anschlägen und Kriegen lange nur durch die Medien statt. Erst seit 9/11 ist ein schleichender Wandel eingetreten, der den Sicherheitsbegriff in Europa neu definieren könnte.

No bombs to drop and kill them all, no money paid to charge our souls, no mind control, no wall, just summer, winter, spring and fall.

Aber warum erzähle ich das alles? Meine Geschichten sind kurz. Sie erzählen von Sicherheit, Militär, Terrorismus und Absurditäten. Ich wollte sie nicht nur erzählen, sondern sie einbetten und aufzeigen, warum sie für mich prägend waren und daher einen Bezug zur politischen und gesellschaftlichen Situation in beiden Ländern herstellen.
Vor einigen Jahren nahm ich an einem deutsch-israelischen Austauschprogramm teil, in dem wir fünf Kurzfilme in kleinen Gruppen zu unterschiedlichen Themen drehten. Vom Konzept bis zur Umsetzung lag dabei die Verantwortung bei uns. Das Thema meiner Gruppe waren Stereotypen. Wir befragten Bürger*innen auf den Straßen in Berlin, Tel Aviv und Jerusalem, aber auch Wissenschaftler*innen und Expert*innen im deutsch-israelischen Feld. Wir spielten in unserem Film mit den Stereotypen. Israel wurde von den Deutschen sofort mit dem Militär und Konflikt assoziiert. Hinsichtlich Deutschland wurde von den Israelis nicht die Bundeswehr genannt, jedoch auf den Nationalsozialismus verwiesen und somit auch eine militärische Komponente mit eingebunden. Dennoch hatten wir im Endeffekt beider Befragungen das Gefühl, Deutschland würde trotz der Vergangenheit als positiv wahrgenommen. Israel wurde oft mit dem Konflikt verknüpft und positive Seiten der Gesellschaft und Kultur davon überschattet. Ein Paradoxon, was auftrat, war die Verknüpfung von Militär, Gesellschaft und Vergangenheit in beiden Ländern. Israel wurde zwar mit Krieg und Konflikt sofort in Verbindung gebracht. Bezüglich der Gesellschaft wurden die Israelis jedoch mit positiven Assoziationen, wie offen, warmherzig und gastfreundlich verknüpft. In Israel hingegen wurde Deutschland mit der Shoah in Verbindung gebracht, aber auch mit günstigen Lebenshaltungskosten und Erfolg im Fußball. Wenn aber die deutsche Gesellschaft beschrieben wurde, wurde auf negative, meist militärische Beschreibungen zurückgegriffen. Also warum wird Israel als Ganzes zwar mit dem Militär verknüpft, aber die Gesellschaft in ihrem Verhalten nicht damit in Verbindung gebracht? Warum wird in Deutschland die Gesellschaft mit militärischen Eigenschaften und Verhaltensweisen beschrieben, die sich klar auf den Nationalsozialismus zurückführen lassen, die Bundeswehr heutzutage aber nicht als Bedrohung oder als Sinnbild für Deutschland gesehen? Diese Fragen blieben offen.

Es treten immer wieder Geschehnisse ein, die für mich doch eine andere Art des Aufwachsens und des Lebens deutlich zeigen. In der Blase Tel Avis kann es recht schnell passieren, dass man die Konflikt- und die Gefahrenlage vergisst oder verdrängt. Sobald dies passiert, treten Dinge auf, die mir wieder deutlich zeigen, wo ich mich gerade befinde, und dass die Realität in Israel sich doch von der in Deutschland unterscheidet. Mein Bruder besuchte mich für einige Zeit, wir planten eine Rundreise durch das Land. Eine unserer Stationen war Jerusalem. Zu diesem Zeitpunkt waren Angriffe mit Messern durch Palästinenser*innen, meist gegenüber religiösen Juden, an der Tagesordnung. Doch Tel Aviv war bis dahin verschont geblieben und so hatte ich es nur aus den Medien erfahren. Jedoch spürte ich bei der täglichen Fahrt mit dem Bus, dass die Angriffe die Bevölkerung verunsicherten. Mein Bruder und ich hielten uns am Rande der Altstadt auf. Wir waren einige Tage in Jerusalem und waren am Vortag bereits in der Nähe des Damaskustors zum Essen gewesen. Nun waren wir wieder dort in der Nähe. Plötzlich hörten wir Schreie. Wir schauten in die Richtung, aus der die Schreie kamen, und sahen einen Jungen, nicht älter als 14 Jahre, der mit einem Messer auf Passant*innen losging. Dann hörten wir Schüsse und sahen, wie der Junge zu Boden ging. Wir wurden durch die Polizisten aufgefordert, uns sofort zu entfernen. Ich konnte gar nicht fassen, was da gerade passiert war. Wir liefen der Menge hinterher. Später fanden wir heraus, dass zwei Juden von einem 13-jährigen palästinensischen Jungen mit einem Messer angegriffen worden waren, woraufhin der Junge erschossen wurde. Nie werde ich diesen Anblick des Jungen vergessen. Es hat mir die Konfliktlage so deutlich wie vorher noch nie aufgezeigt. Die Anschläge häuften sich auch in der Gegend um Tel Aviv in den nächsten Wochen und zum ersten Mal fühlte ich mich in Israel unsicher.

Die Bedrohungslage für Israel hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Neue Technologien verhelfen Israel zum einen, sich besser vor Angriffen zu schützen, es führt zum anderen im Umkehrschluss zu einer gezielteren und effektiveren Aufrüstung des Gegners. Hierbei soll die Hamas genannt sein, die vorwiegend mit ihren Kassam-Kurzstreckenraketen aus Gaza Positionen in Israel trifft. Die Abwehranlage Iron Dome sorgt nah der Grenze zu Gaza für eine Abwehr der Raketen.
Auch wenn ich mittlerweile an den Anblick des Militärs im öffentlichen Raum in Israel gewöhnt bin, gibt es immer wieder Situationen, in denen ich nur dasitze und es kaum begreifen kann, was gerade um mich herum geschieht. Ich kann diese Absurdität des Lebens in Israel nicht in Worte fassen, doch ich möchte einen Versuch wagen. Es fällt mir schwer, die Situation so zu beschreiben, dass sie durch Außenstehende nachempfunden werden kann. Zusammen mit der Familie eines israelischen Freundes besuchten wir seinen Bruder, der die dreijährige Wehrpflicht für Männer derzeit absolviert. Wir fuhren in Tel Aviv los. Ich war noch nie auf einer Militärbasis gewesen und hatte keinerlei Vorstellung davon, was mich erwarten sollte. Das Auto parkte auf einem Schotterplatz. Ein Meter weiter stand ein hoher Zaun, der einen Platz absteckte, der die sogenannte Base darstellte. Das Raketenabwehrsystem stand einige Meter weiter. Die Base sah karg und ungemütlich aus. Mit einem weiteren Blick erkannte ich das Mittelmeer in einiger Entfernung. Tatkräftig begann die Familie, aus dem Auto Dinge hervorzuzaubern. Es wurden ein Campingtisch und Stühle aufgebaut, Porzellanteller auf dem Tisch platziert. Daraufhin fragte ich die Mutter, warum denn nicht Pappteller benutzt wurde, die doch für den Transport wesentlich angenehmer sind. Sie erklärte mir, dass ihr Sohn bei der Armee von keinem ordentlichen Porzellanteller essen kann, sodass er jedenfalls bei dem Besuch der Familie von guten Tellern essen sollte. Das Porzellan stammte auch noch aus Deutschland. Es kamen Töpfe mit köstlich duftendem Essen zum Vorschein.
Das Tor der Base ging auf und der Bruder kam in seiner grünen Uniform mit dem Gewehr um die Schultern gehängt zu uns. Ihn in der Uniform zu sehen, war ein seltsamer Anblick für mich.
Da sein Geburtstag nur einige Tage her war, gab es zur Überraschung noch einen Kuchen. Der Nachmittag ging langsam zu Ende, es wurde kalt, da die Sonne untergegangen war. Wir räumten die Töpfe, das Geschirr und die Campingausrüstung wieder in das Auto. Die Mutter holte eine große Tüte aus dem Auto hervor und füllte sie mit allerlei Dingen für den Sohn, übrig gebliebenes Essen, Süßigkeiten, Geschenke und Kuchen. Wir verabschiedeten uns; wann ich ihn wiedersehen würde, war ungewiss. Er nahm seine Waffe und die Tüte und entfernte sich wieder in Richtung der Base. Ich schaute ihm nach und erkannte, dass die Tüte eine große Einkaufstüte von Lidl war. Mir fehlten die Worte.


Annika Fiegehenn, 29 Jahre
hat an verschiedenen deutsch-israelischen Austauschprogrammen teilgenommen. 2017 leitete sie ein deutsch-israelisches Sportaustauschprogramm. Sie lebte für einige Monate in Tel Aviv und reist regelmäßig privat nach Israel.